Studie Antidepressiva an der Praxis vorbei

Studie: Antidepressiva haben kaum Wirkung

Proteste der Hersteller

Pressemitteilung der DGPPN
(dgppn-pm08-03-antidepressivaweb.pdf)

Nicht jede Studie ist entscheidend, ob die Ergebnisse dem Patienten nutzen oder nicht. Sicher hat diese Meta-Studie viele Arbeiten, auch Zulassungsstudien und vor allem Studien, die nicht publiziert oder sogar zurückgehalten wurden, verarbeitet. Das ist der Vorteil dieser Studie. Damit hören aber auch schon die Vorteile aus der Sicht des Klinikers wieder auf.

In der klinischen Praxis haben die modernen Antidepressiva einen unschätzbaren Vorteil und wir sehen Wirkungen, wir hören von Patienten, dass es ihnen hilft – oft mit der Äußerung: „Warum ist nicht schon früher jemand auf die Idee gekommen, mir diese Medikamente zu geben?“ Die Antidepressiva-Studie behandelt nur 4 Substanzen, wir benutzen aber einige mehr.


Entscheidend bei dieser Studie ist jedoch der Umstand, der schon bei der Neuroleptika-Studie ein großer Mangel der Meta-Betrachtung gewesen ist – beide Studien lassen den kundigen und erfahrenen Psychiater außen vor. Es ist nämlich nicht egal, welches Antidepressivum gewählt wird, es muss zu dem individuellem Patienten und zu dem Profil seiner Depression passen. Dann müssen auch die Nebenwirkungen kleiner sein, als der Vorteil, der dem Patienten mit dem Antidepressivum ermöglicht wird. So viel Wirkung wie nötig, und so wenig Nebenwirkung wie möglich.

„Implizit halten Kirsch et al. der FDA vor, Antidepressiva zugelassen zu haben, ohne dass eine klinisch relevante Wirkung belegt gewesen sei. Hier offenbaren Kirsch et al. einen grundlegenden methodischen Irrtum: Meta-Analysen bergen immer das Risiko, die Ergebnisse methodisch mangelhafter Studien mit solchen aussagefähiger Studien zu vermischen. Mit guten Gründen akzeptieren Zulassungsbehörden keine Meta-Analysen als Wirksamkeitsbeleg, sondern verlangen – mindestens – zwei von einander unabhängige, positive Studien mit klinisch relevantem Ausmaß der Wirkung. Das kann die Meta-Analyse von Kirsch nicht widerlegen.“ (Wirksamkeit von Antidepressiva Stellungnahme zu Irving Kirsch/DGPPN)

Leider werden heute die modernen Antidepressiva in jeder Hausarztpraxis munter vor sich her Verordnet. Das spricht zwar für die Minderung der Nebenwirkungen der modernen Präparate, aber nicht für eine individuelle Therapieanpassung an den Patienten und seine Depressionsart. Die Depression gibt es nämlich nicht – es gibt nur die Depression von Herrn Müller oder Frau Maier.

Ein erfahrener Kliniker wird aus dieser Studie herausnehmen, was er noch nicht weiß, und getrost vergessen, was die Studie vorgibt zu wissen. Im wesentlichen wird sich der erfahrene Kliniker auf die Aussagen seines Patienten stützen und ihn mit seinem Wissen in der Weiterbehandlung unterstützen. Diesen Aspekt müßten zukünftige Studien berücksichtigen.

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Deshalb ist es viel wichtiger, sich immer wieder vor Augen zu halten, wie eine Depression zu verstehen sein könnte. Das obige Schaubild stellt die bisherigen Erkenntnisse in einer nachvollziehbaren Art zusammen. Danach ist deutlich, dass die Dysfunktion der Neurobiologischen Faktoren entscheidend bei Betrachtung einer Depression ist.

Hier wirken heutige Medikamente und werden für die Zukunft neue entwickelt. Hier ist aber auch die Domäne der Psychotherapie – denn wir sprechen mit dem Menschen, also mit einem biologischen System aus neurobiologischen Faktoren. Das Medikamen, der Patient und der Arzt können nicht für sich alleine betrachtet, sie müssen auch als ein System untersucht werden. Nur so kommen wir der Depression näher. Und das ist wichtig. Depressionen werden im Jahr 2020 etwa die TOP 10 der weltweiten Diagnosen anführen – also nicht nur persönliches Leid, sondern auch erhebliche volkswirtschaftliche Kosten verursachen. Da sind gute Studien, lehrhafte Studien unbedingt gefragt.

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