Psychisch Anderssein

Psychisch Anderssein – Schizophrenie?

Ein Beispiel, wie wir eine Erkrankung sehen können:

Was ist Schizophrenie
Die Schizophrenie ist eine –Psychose-, d.h. eine ernsthafte seelische Erkrankung, bei welcher vor allem die Beziehung zur Wirklichkeit und zu den Mitmenschen tiefgehend verändert ist. Die Störungen sind sehr unterschiedlich je nach Person, Situation, Phase und Schweregrad. Manche von ihnen kommen in schwächerer Form auch bei Gesunden vor. Im Anfang sind die Betroffenen meist gespannt, verängstigt und verwirrt; manchmal fühlen sie sich verfolgt und werden von halluzinierten Stimmen, körperlichen Missempfindungen oder Schmerzen geplagt. Sie klagen über Denkstörungen und gebrauchen zuweilen merkwürdige Redewendungen. Ihre Gefühle und Gedanken sind oft zwiespältig; sie sind meist ausgesprochen feinfühlig und neigen zu überschießenden Reaktionen, z.B. in Form von Aufregung oder plötzlichen Rückzug. Alle diese Erscheinungen können entweder wieder völlig verschwinden, oder aber mit Schwankungen allmählich in leichtere Dauerbehinderungen übergehen, welche das Alltagsleben wenig beeinträchtigen. Unter ungünstigen Umständen kann es dagegen zu Rückfällen kommen, die gewisse Patienten schließlich so entmutigen, daß sie sich von allem zurückziehen, sich abschließen, ihre früheren Interessen und Aktivitäten aufgeben und in Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit zu versinken drohen, wenn man ihnen nicht hilft.

Sind Schizophrene gefährlich?
Schizophrene Patienten sind, wie große Untersuchungen gezeigt haben, weder häufiger noch seltener gewalttätig als Menschen aus der Durchschnittsbevölkerung, d.h. in weniger als einem Fall von 1000. Meistens sind sie sogar viel passiver als Gesunde. Kranke sind in akuten Zuständen manchmal selbstmordgefährdet, und in äußerst seltenen Ausnahmesituationen können sie sich, z.B. aus schweren Verfolgungsängsten heraus, in einer Weise tätlich zur Wehr zu setzen versuchen, die die Umwelt schockiert. Sonst aber sind gelegentlicher Zorn und Ärger, sofern sie solche Gefühle überhaupt zeigen, wie bei jedermann, zumeist ganz gut aus den Umständen verständlich.

Wie häufig ist Schizophrenie?
Ungefähr bei einer von 100 Personen wird einmal im Laufe des Lebens eine schizophrene Erkrankung festgestellt. In einem gegebenen Moment ist etwa eine von 400 Personen krank. Die Störung kommt bei Männern wie bei Frauen und in verschiedenen Kulturen oder Zeitepochen etwa gleich häufig vor. Personen aus weniger bemittelten Schichten sind etwas stärker betroffen. Dies scheint jedoch mehr auf die schlechteren Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten der Kranken als auf einer direkten Wirkung bescheidener sozialer Verhältnisse zu beruhen.

Verlauf und Prognose
Schizophrene Störungen treten am häufigsten in jungen Jahren auf, insbesondere in der Adoleszenz, gelegentlich aber erst im mittleren Alter. Sie verlaufen oft, aber doch nicht immer, langwierig, bald mehr wellen- und mehr gleichförmig. Auf lange Sicht ist die Prognose gemäß neuen Untersuchungen erheblich besser, als man bisher annahm: Bei ungefähr10 % der Erkrankten kommt es schon nach wenigen Wochen oder Monaten, und bei weiteren rund 15 % nach längerer Zeit, Jahre bis Jahrzehnte, zu einer völligen und endgültigen Heilung. Bei weiteren 30-40 % tritt eine weitgehende Besserung mit Übergang zu leichteren Restbehinderungen ein. Die Langzeitprognose ist insgesamt also in über der Hälfte der Fälle relativ günstig. Bei etwa 1/3 der Betroffenen bilden sich dagegen schließlich chronische Zustände mittleren bis schweren Grades aus, die zu einer psychischen Dauerinvalidität führen.
Der Verlauf kann nie mit Sicherheit vorausgesagt werden: selbst nach jahre- bis jahrzehntelanger ungünstiger Entwicklung treten manchmal noch überraschende Wendungen zum Guten ein. Die Chancen sind um so größer, je besser das seelische Gleichgewicht vor Beginn der Erkrankung war und je normaler die Lebenssituation gestaltet werden kann. Akute, heftige Störungen mit phasenhaftem Auftreten heilen leichter aus als unauffälligere Erscheinungen mit schleichendem Verlauf. Viel hängt auch davon ab, ob der Betroffene und seine ganze Umgebung trotz aller möglichen Rückschläge die Hoffnung nicht aufgibt, oder aber resigniert. Ungünstig wirken ferner nicht selten, wie erst in neuerer Zeit klar erkannt wurde, jahrelange Spitalaufenthalte, da die ursprünglichen Schwierigkeiten leicht durch einen milieubedingten sog. „Institutionalismus“, zunehmende Einengung, Verlust von Selbständigkeit, Verantwortungsgefühl, sozialen und beruflichen Interessen und Fähigkeiten – überlagert und verstärkt werden. Kürzere Hospitalisierungen sind dagegen oft nötig und heilsam.

Ursachen
Die Ursachen der Schizophrenie sind noch nicht sicher bekannt. Wahrscheinlich liegt nicht ein einziger Faktor, sondern ein von Person zu Person verschiedenartiges Zusammentreffen vieler ungünstiger Teilursachen vor. Eine gewisse Rolle spielt die Vererbung, durch die jedoch wohl nicht die Krankheit selber, sondern nur eine gegenüber dem Durchschnitt erhöhte seelische Verletzlichkeit übertragen wir. Nur ungefähr eines von 10 Kindern eines Betroffenen ist ebenfalls gefährdet; bei entfernteren Verwandten ist das Risiko noch erheblich geringer. Weitere Teilursachen sind wahrscheinlich gewisse soziale und eventuell körperliche Einflüsse wie Störungen der frühkindlichen Entwicklung, schwierige Familienverhältnisse, akute oder langdauernde Belastungssituationen usw. Ob darüber hinaus noch weitere körperliche Ursachen beteiligt sein könnten, wird von Fachleuten verschieden beurteilt. Am wahrscheinlichsten ist heute, dass all diese Faktoren einen Menschen besonders empfindlich und verletzlich machen, weshalb er einerseits zwar oft feinfühliger und manchmal sogar phantasievoller und schöpferischer als andere ist, aber andererseits auch dazu neigt, auf Belastung und Krisen, auf schwierige Wechsel und Umstellungen zuweilen mit krankhaften Störungen zu reagieren.

Behandlung
Heilsam wirkt alles, was auch normalerweise die gesunden Seiten eines Menschen stärkt. Wichtig ist deshalb vor allem eine liebe-, aber maßvolle, verlässliche Zuwendung, in welcher Eigenverantwortung und Selbständigkeit soweit wie irgend möglich gefördert werden. In gewissen Zuständen können angstlösende und beruhigende Medikamente eine große Hilfe sein. Sie haben je nach Situation auch vorbeugende Wirkung. Ob indessen eine Langzeitbehandlung angezeigt ist, muss vom Arzt von Fall zu Fall entschieden werden, da diese Mittel auch unerwünschte Auswirkungen haben können. Sie sind zudem nur ein Teil der ganzen Behandlung. Daneben helfen verschiedene Arten von Psychotherapie und Soziotherapie dem Patienten, mit seinen Gefühlen und Ängsten, mit den Mitmenschen und mit alltäglichen Aufgaben besser umzugehen. Zur Vermeidung von zu langen Klinikaufenthalten werden heutzutage mancherorts sozialpsychiatrische und gemeindenahe, d.h. in möglichst gewöhnlicher Umgebung gelegene Übergangsinstitutionen wie kleine Tages- und Nachtkliniken zur Teilzeitbetreuung, Wohnheime und Wohngemeinschaften, Trainingswerkstätten usw. geschaffen. Sie bieten gute Chancen für eine berufliche und soziale Wiedereingliederung. Die besten Voraussetzungen bestehen dann, wenn es gelingt, zwischen Patient, therapeutischem Team und der Umgebung, namentlich Familie, Arbeitgeber, Versicherungen usw., eine dauerhafte, zielbewußte Zusammenarbeit zu organisieren.

Zum Umgang mit schizophren gestörten Menschen
Der Umgang soll so respektvoll und normal wie irgend möglich sein. Dabei ist es allerdings nicht sinnvoll, befremdliche Verhaltensweisen oder Ideen korrigieren zu wollen, da dies nur noch mehr Spannung und Abwehr schafft. Angst oder besondere Vorsichtsmaßnahmen sind in den allermeisten Fällen überflüssig und schädlich.

Zu berücksichtigen ist indessen die oft ausgeprägte Feinfühligkeit dieser Menschen. Einfachheit, Offenheit und Klarheit in allen Belangen sind heilsam; Unechtheit, Undurchsichtigkeit und Unaufrichtigkeit insbesondere bei Spitaleinweisungen oder anderen Vorkehrungen und Abmachungen steigern dagegen Verwirrung, Misstrauen, wahnhafte Tendenzen und defensive Kontaktscheu. Wenn jemand krankheitshalber die Notwendigkeit einer Behandlung nicht einzusehen vermag und in Ausnahmesituationen Zwang unvermeidlich ist, so soll dies ruhig und klar mitgeteilt, begründet und dann auch ausgeführt werden. Therapeutische Ziele und Behandlungsprobleme sollten von Etappe zu Etappe zusammen mit dem Patienten und seiner Umgebung (therapeutisches Team, Familie, wichtige Bezugspersonen) festgesetzt und klar verständlich formuliert werden, wobei als allgemeines Hauptziel ausdrücklich eine möglichst große Selbständigkeit anzustreben ist. Dem Patienten soll für seine allgemeine Lebensführung so wenig Verantwortung wie möglich abgenommen werden, da er sonst seine Fähigkeiten immer mehr verliert. Andererseits ist er besonders in akuten Zuständen vor jeder verwirrenden Überforderung zu schützen, wobei immer wieder periodisch zu prüfen ist, ob eine Über- oder Unterforderungssituation eingetreten ist. Überforderung äußert sich in erhöhter Angst, Aufregung und vermehrten krankhaften Symptomen, Unterforderung dagegen in vermehrter Gleichgültigkeit und Passivität. Menschen, die zu schizophrenen Störungen neigen, sind verletzlich; sie sind besonders empfindlich für Kritik, aber auch für Anerkennung und Bestätigung. Ruhe, Verlässlichkeit und Klarheit in den Beziehungen mit der Umgebung geben ihnen die verlorene Sicherheit wieder und sind deshalb von großem therapeutischem Wert.

Text mit Genehmigung vom Team der Sozialpsychiatrischen Universitätsklinik Bern unter der Leitung von Prof. Dr.med.L.Ciompi, Bern.
Hier herausgegeben von:  Dr. med. M. E. Waelsch (Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, Kreiskrankenhaus Plochingen, Am Aussichtsturm 5, 73207 Plochingen, Tel. 07153 / 604 61500)

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